Das Schloss am Faden (Fodn)



Vom Sandbichlerhof oberhalb von St. Johann führt ein schöner Weg zum Faden (2.136 m), einer Aussichtskanzel inmitten einer fast unberührten, hochalpinen Landschaft. Von dort geht es auf unmarkiertem Steig weiter zum Obersteiner Holm (2.395 m).

Woher kommt die seltsame Bezeichung "Faden" für eine Bergkuppe? In uralter Zeit, so erzählt man, stand oben am Kamm des Steiner Holms, der sich vom Rauchkofel herabzieht, ein geheimnisvolles Schloss. Im Inneren des Rauchkofel lebte einst ein uralter, geheimnisvoller Alchimist, der sich auf die Kunst des Steinekochens verstand. Rauchte es aus dem Rauchkofel, so wussten die Leute, dass der Alchimist Steine in Gold verwandelte. Von seiner Küche führte ein unterirdischer Gang ins Schloss am Faden. Stolz und glänzend, uneinnehmbar, stand es da. Es bestand samt seiner ganzen Einrichtung aus purem Gold. Immer wieder versuchten die Leute an das Schloss heranzukommen, doch vergeblich. Nur ein dünner, goldener Faden umgab das Schloss, der war allerdings so stark, dass ihn weder Axt noch Schwert zu durchtrennen vermochten. Wem es gelänge ins Schloss zu gelangen, so verkündete der stolze Schlossherr höhnisch lachend, dürfe alle Schätze mit sich tragen. Ein schlauer Ahrntaler Bursche wollte es wagen. Er heckte einen raffinierten Plan aus und weihte das schönste und liebreizendste Mädchen aus dem Tale in sein Vorhaben ein. Wenn der Plan gelänge, würden sie sich anschließend die Schätze teilen. Die einzige Schwachstelle an der uneinnehmbaren Bergfestung, so wusste der Bursche, war der Knoten des goldenen Fadens. Doch diese wurde Tag und Nacht von einer aufmerksamen Schlosswache bewacht. Die Schöne machte sich an die Wachen heran, sie scherzte und trank mit den Männern, und verdrehte ihnen so mächtig den Kopf, dass sie den Knoten ganz vergaßen. Und schon huschte der Bursche heran, löste den Knoten des Fadens und wickelte ihn auf eine Spule. Der Plan schien aufzugehen. Rasend schnell spulte der Bursche den goldenen Faden auf eine Haspel. Als sich aber das Ende des Fadens um die Spule wickelte, zuckte wilder Blitz und Donner vom Himmel, das Schloss zerbarst und begrub Mann und Maus unter sich. Alles Gold war wieder zu Stein geworden.

Wanderer, die heute auf dem Weg über eine Steinhalde zum Steiner Holm gehen, wandern heute durch den Schutt des einstigen Schlosses. (Der Text ist urheberrechtlich geschützt: © Steger Konrad)


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